Kunstwerk des Monats
Wechselnde Blicke auf regionale Kunst
Im Januar 2023 hat eine neue Projektreihe im Schloss Brake begonnen, die von der Kulturagentur des Landesverbandes Lippe und deren Kunsthistorikerinnen Dr. Mayarí Granados und Vera Scheef betreut wird: Das „Kunstwerk des Monats“. Ziel des Projektes ist es, besondere Arbeiten von zeitgenössischen regionalen Künstlerinnen und Künstlern auszustellen und genau unter die Lupe zu nehmen.
Dazu wurde das Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes im Schloss Brake umgestaltet und die dort präsentierten Skulpturen von Heinrich Drake und Karl Ehlers in die Nachlassausstellung im 1. und 2. Obergeschoss integriert. So gibt es nun einen großzügigen Ausstellungsort für Skulpturen, Objekte oder Installationen von regionalen zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die als Auftakt zu den Bildhauerausstellungen von Heinrich Drake und Karl Ehlers in den Obergeschossen einen spannenden, wechselnden Akzent setzen.
Vierzehntes Kunstwerk: „Ein Dritter“ von Ji Eun Yoon (Jiny)
Stipendiatin des Landesverbandes Lippe im Künstlerhaus Schwalenberg, 2009/2010.
Acrystal, Acryl, 76 x 25 x 30 cm, 2008-2009
Die Arbeit „ein Dritter“ setzt sich aus vielen einzelnen, immer gleichen Figuren zusammen, die unterschiedlich platziert werden können. Die Wiederholung der Form sowie der weiße
Farbüberzug führen zu einer Anonymisierung. Klein stehen sie herum, manchmal einzeln in Ecken, bedrohlich werden sie in der Masse. Auch der Titel weist auf eine Akkumulation hin:
„ein Dritter“ ist Teil einer Gruppe, vielleicht überflüssig, wenn es sich um Paare handelt. So ist der Dritte im Bunde oftmals geduldet, mitgeschleppt, aber eigentlich ein Störfaktor in einer geschlossenen, sich genügenden Zweierbeziehung. Der Dritte kann aber auch der Stachel sein, der sich zwischen zwei Menschen bohrt. Gerade dass die Arbeit „ein Dritter“ bei Yoon in der Masse auftritt, lässt auf eine subtile Gesellschaftskritik schließen. Es sind anonyme, geschlechtslose Figuren, die einen Großteil des Gesichts hinter einer Maske – vielleicht einem medizinischen Mundschutz – verstecken. Gerade die Unmöglichkeit, das Gesicht der Figuren zu erkennen, lässt die zunächst freundlich wirkenden Figuren subtil aggressiv oder gemein erscheinen – auf den zweiten Blick, nachdem man hinter die niedliche Fassade geblickt hat; eine Wirkung, die die Künstlerin noch dadurch verstärkt, dass die weißen Figuren überraschend platziert werden, allgegenwärtig beobachten sie den Betrachter. Einige der Figuren befinden sich schon im Besitz verschiedener Sammlungen an unterschiedlichen Orten – so spannt Yoon ein Netz aus „Dritten“, die überall in der Welt sind und immer beobachten.
Ji Eun Yoon (Jiny), wurde 1974 in Seoul, Korea, geboren. Sie studierte Kunst mit der Fachrichtung Skulptur in Korea, anschließend Freie Kunst an der Kunstakademie in Münster
und war Meisterschülerin bei der Bildhauerin Katharina Fritsch. Yoon arbeitete schon in Korea mit einer ähnlichen Bildsprache wie in Katharina Fritsch und setzte aus diesem Grund
ihr Studium in Deutschland bewusst bei Fritsch fort.
Grundlage für die Arbeiten Yoons sind verschiedenartige innere Bilder, die aus ihrer Kindheit oder ihrem Alltag stammen. Inspirationsquellen für die Skulpturen Yoons liegen in der lauten, bunten, schnellen Welt Koreas, der Vorliebe für Modetrends und dem Hang zum Niedlichen, den viele Asiatinnen geradezu kultivieren. Unter dieser lachenden, oberflächlichen Plastikwelt verbirgt sich in vielen Fällen eine brodelnde Aggressivität, die überspielt wird. Diese Ambivalenz, der tiefe Zwiespalt zwischen einem fröhlichen Anschein und darunter liegenden negativen Gefühlen, manifestiert sich in vielen der Arbeiten.










